Enorme Wachstumsprognose für Fasern aus nachhaltiger Produktion

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Können zertifizierte Fasern 2020 ein Viertel der weltweiten Produktion ausmachen? Foto: Reimei AG

Immer weniger Ressourcen stehen uns zur Produktion von immer mehr Konsumgütern zur Verfügung. Diese Entwicklung betrifft die Textilindustrie genauso, wie andere Branchen auch. Es ist eine weltweite Entwicklung, dass globalisierungsbedingt zunehmend mehr Menschen einen sozioökonomischen Aufstieg erleben, der sich auch in steigenden und anspruchsvolleren Konsumgewohnheiten niederschlägt. In der Textilindustrie ist diese Dynamik zusammengefallen mit dem Umbau der Branche weg vom klassischen Saisonrhythmus, hin zum unterjährigen Kollektionsgeschäft. Schon 2011 fragte die indische Wirtschaftszeitung The Economic Times „Are we at Peak Cotton?“ und bezog sich damit auf das makrooökonomische Szenario, demzufolge alle wesentlichen Ressourcen unsere Gesellschaft ihrem Produktionsmaximum entgegenstrebten oder es bereits überschritten hätten. Die Bremer Baumwollbörse spricht in ihrem letzten Jahresbericht zwar nicht von einem Peak, sieht aber dennoch gewaltige Herausforderungen auf die Naturfaserproduzenten zukommen. Ein Überblick über die aktuellen Marktentwicklungen…

Nach einer Produktionsspitze von 27,4 Millionen Tonnen Baumwolle in der Saison 2011/12 wurde zwar ein Rückgang auf 23,2 Millionen Tonnen in 2013/14 prognostiziert, der vor allem mit fallenden Preisen begründete wurde. Dies sei aber langfristig bei Weitem nicht das größte Problem der Branche. Vielmehr sei bei einer wachsenden Weltbevölkerung davon auszugehen, dass die Anbaufläche für Nutzpflanzen zunehmend für Nahrungsmittelproduktion genutzt würde. Die Baumwollproduktion stieße damit also auch an ein räumliches Limit.

Auf Konsumentenseite lassen Reaktionen nicht lange auf sich warten. Während 2012 eine Rekordernte eingefahren wurde, ging der weltweite Baumwollverbrauch im gleichen Zeitraum deutlich um 1,7 Millionen auf 22,8 Millionen Tonnen zurück, was dem niedrigsten Level seit 2003/04 entspricht. Auch wenn sich der Verbrauch den Vorhersagen nach wieder erholen soll – insgesamt sind die Naturfasern in die Defensive gedrängt.

Während Baumwolle während der 1960er Jahre noch mit 68 Prozent des Gesamthandelsvolumens den Fasermarkt beherrschte, entfielen im Jahr 2011 lediglich noch 33 Prozent auf das Malvengewächs und für die darauffolgenden Jahre sahen die Prognosen weiter sinkende Anteile voraus. Diese Entwicklung wird noch dadurch beschleunigt, dass sich die Polyesterpreise im Sinkflug befinden, während die von Baumwolle relativ stabil sind. In einem langfristigen Ausblick geht die Bremer Baumwollbörse davon aus, dass sich die Produktion von Baumwolle bis zum Jahr 2020 auf einem Niveau von knapp unter 30 Millionen Tonnen jährlich stabilisiert, während die von Kunstfasern auf jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen ansteigen soll.

Für Faserproduzenten bedeutet diese Entwicklung, dass in einem umkämpften Markt zusätzliche Differenzierungsmerkmale zur Vermarktung des eigenen Produkts immer wichtiger werden. Neben Gütekriterien wie der Stapellänge sind es vor allem inhärente Qualitätsmerkmale, die hier zu den Gewinnern gehören. In Zeiten, in denen Konsumenten die von ihnen gekauften Produkte immer skeptischer hinterfragen und durchaus auch mal eine Wertschöpfungskette kritisch durchleuchten, wird die ethisch korrekte Produktion in jedem Herstellungsschritt auch im konventionellen Massenmarkt wichtiger.

Dieser Entwicklung widmet sich auch die jüngst erschienene Studie „The State of Sustainability Initiatives Review“, ein Report, der weltweit und branchenübergreifend den Erfolg von freiwilligen Nachhaltigkeitsstandards untersucht. Die von ENTWINED, der Sustainable Trade Initative (IDH), dem International Institute for Environment and Development (IIED), der Finance Alliance for Sustainable Trade (FAST) und dem International Institute for Sustainable Development (IISD) gemeinsam herausgegebene Studie widmet sich zehn Schlüsselbranchen mit einem Gesamtmarktvolumen von 31,6 Milliarden US-Dollar zu; darunter der Baumwollproduktion.

Das Schlagwort der Stunde ist „Identity Fibers“, respektive „Identity Cotton“. Hinter diesem Slogan verbirgt sich ein Querschnitt aller Fasern, die konform mit einem freiwilligen, über gesetzliche Vorgaben hinausgehenden Standard produziert wurden. In Bezug auf Baumwolle sind dies neben IFOAM Organic Cotton im Wesentlichen die Better Cotton Initative (BCI), Cotton made in Africa (CmiA) und Fairtrade. Summiert kommen die so angebauten Fasern im Jahr 2012 auf einen Marktanteil von 3,4 Prozent – verglichen mit unter 1 Prozent im Jahr 2008 und jährlichen Wachstumsraten von 54 Prozent schon große Schritte. Geradezu unbedeutend jedoch, wenn man den Prognosen des einflussreichen Reports Glauben schenken darf: Diese gehen nämlich davon aus, dass bis 2020 über 25 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion standardkonform angebaut werden wird.

Die größten Gewinner dieser Entwicklung sieht der SSI Review in den beiden 2005 gegründeten CmiA und BCI, wobei BCI als der mit großem Abstand am schnellsten wachsende Standard identifiziert wird. Während CmiA seine Produktion von 2009 bis 2012 um 78 Prozent auf nunmehr 163.000 Tonnen steigern konnte, schnellte der BCI Output um sagenhafte 326 Prozent auf 623.000 Tonnen in die Höhe. Bis auf Weiteres abgehängt in dieser Rally erscheinen zum gegenwärtigen Zeitpunkt Organic und Fairtrade Cotton, die im Vergleichszeitraum beide eine Stagnation oder leichte Produktionsrückgänge hinnehmen mussten.

Folgt man der Argumentation des Reports, so hängt diese unterschiedliche Entwicklung vor allem mit den Preisdiskrepanzen der verschiedenen standardkonformen Fasern zusammen. Während Baumwolle der weniger schnell wachsenden Standards bis zu 30 Prozent über dem Marktpreis von konventioneller Baumwolle gehandelt würde, liegt diese Prämie bei BCI Cotton nur bei fünf bis sechs Prozent – für viele Einkäufer offensichtlich das entscheidende Argument.

Den Zugang zum Massenmarkt erleichtert sich BCI zusätzlich dadurch, dass man „biotech-neutral“ ist, im Unterschied zu den anderen aufgeführten Standards also genmodifiziertes Saatgut zulässt. Doch nutzt BCI diesen Vorteil sinnvoll – man konzentriert sich auf eine, den Farmern zu Gute kommende Kostenreduktion, die durch gute Managementpraktiken und einen damit einhergehenden ressourceneffizienten Anbau realisiert werden. Zwar schwanken die Schätzungen beträchtlich, aber bedenkt man, dass weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Haushalte in die Baumwollproduktion involviert sind, dann ist der positive Beitrag von BCI beträchtlich – bis zum Jahr 2020 will BCI fünf Millionen Bauern ein besseres Leben ermöglichen.

Der SSI Review sieht die anhaltende Dynamik und das massive Wachstumspotenzial des Marktes in einer Melange an Motiven begründet. Auf der einen Seite stünden die kontinuierlichen Investitionen, die Marktteilnehmer in jüngerer Vergangenheit in die Produktionsinfrastruktur getätigt hätten. Andererseits würden die bestehenden Selbstverpflichtungen, die viele Unternehmen nicht zuletzt unter dem Eindruck von Detox und Roadmap to Zero öffentlichkeitswirksam abgegeben haben, die Entwicklung automatisch in Schwung halten.

Und auch im boomenden Segment der Kunstfasern scheinen immer mehr Unternehmen das Geschäftspotenzial einer Diversifizierung schon auf Rohstofflevel zu verfolgen. Zwar leidet das „grüne“ Aushängeschild Lenzing AG momentan unter den schwachen Viskosepreisen, dennoch gelten ihre Tencel Fasern als klassisches Beispiel dafür, wie Diversifikation auch im Kunstfasermarkt umgesetzt werden kann. Der Global Recycling Standard (GRS) von Textile Exchange setzt auf dieselbe Karte und positioniert sich als freiwilliger Standard auf Faserebene im Synthetiksektor. Einen großen Erfolg für den GRS war jüngst, dass der Global Organic Textile Standard (GOTS) nach seinem Update auf Version 4.0 nun bis zu 30 Prozent Regeneratfasern als standardkonform zulässt.

Dennoch scheint es ratsam, diese vielversprechende Entwicklung nicht zu blauäugig zu bewerten. Ohne ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsmanagementsystem, das die gesamte Wertschöpfungskette hinsichtlich ökologischer Kriterien ebenso wie in Bezug auf Social Compliance Risiken integriert, bleibt Diversifikation über Rohstoffe ein Feigenblatt des Marketings.

Der Einsatz verbesserter oder zertifizierter Fasern ist ein erster Schritt. Wirkungsvolle ökologische und soziale Maßnahmen konsequent umzusetzen, bleibt für die Textilindustrie der Maßstab, an dem sie sich und ihre gesellschaftliche Licence to Operate messen lassen muss. Hinsichtlich „Identity Fibers“ könnten eine effektive Veränderung und ein ernsthaftes Signal darin bestehen, dass die hochvolatile Branche dazu überginge, langfristige Kaufverpflichtungen einzugehen.

Jana Kern/Alex Vogt

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