Heimtextil Blog der Messe Frankfurt

Es sind Werke von fundamentaler Kraft: Die Wandteppiche von Hannah Ryggen lesen sich als gewebte Manifeste, in denen sich die schwedisch-norwegische Künstlerin (1894 – 1970) intensiv mit den gesellschaftlichen und politischen Situationen und Missständen ihrer Zeit auseinandersetzte. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt (Kulturpartner der Messe Frankfurt a.M.) widmet ihr jetzt eine große Einzelausstellung. Von heute an bis 12. Januar 2020 wird dem deutschen Publikum damit erstmals ein umfassender Einblick in ihr Oeuvre gewährt.

Von ihrem kleinen autarken Bauernhof an der Westküste Norwegens aus schuf Hannah Ryggen ein eindrucksvolles, politisch inspiriertes Werk. Sie gab dem Wandteppich als Medium eine ganz neue Rolle und nutzte ihre monumentalen Tapisserien, um sich zu positionieren und unmissverständlich Stellung zu beziehen. So lancierte sie bildliche Angriffe auf Hitler, Franco und Mussolini und trat damit für die Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus ein. Immer wieder reflektierte sie in ihren Arbeiten auch die Rolle der Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft. Und auch mit den Werken bekannter Künstler wie Picasso oder Gauguin setzte sie sich auseinander.

„Es ist ihre humanistische Einstellung und es sind ihre Themen, warum uns Hannah Ryggens Kunst heute wieder besonders aktuell und relevant erscheint“, sagt Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn. In einer Gegenwart, die zunehmend geprägt ist von Ungleichheit, Nationalismus und Populismus, erscheint ihr kompromissloses Werk aktueller denn je.

Die textilen Materialien für ihre Webkunst gewann die ausgebildete Malerin, die ihre Webtechnik autodidaktisch perfektionierte, auf ihrem Hof und in der Natur. So spann sie Wolle und färbte diese mit Farben, die sie selbst aus Pflanzen herstellte. Sie bediente sich unterschiedlicher Bildtraditionen und entwickelte mit ihren Arbeiten zudem eine ganz eigene Gestaltungssprache, indem sie Elemente aus der Volkskunst und Mythologie mit einer klaren, modernen Formensprache verknüpfte. Charakteristisch ist ihre narrative, oft szenische oder theatralische Darstellungsform, die coallageähnlichen Kompositionen sowie die Vermischung von realen, fiktiven und mystischen Personen und Motiven.

Im Zentrum der Ausstellung in der Schirn stehen die antifaschistischen und pazifistischen Werke der belesenen, gut informierten Künstlerin. Die Anzahl ihrer großformatigen Werke zeugen von ihrer enormen Schaffenskraft und ihrem Drang, sich unerschrocken ins Zeitgeschehen einzubringen.

Headerfoto: Hannah Ryggen, 6. Oktober 1942, 1943, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 175 x 419,5 cm, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim © H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Thor Nielsen

Heike Gessulat

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