Haute Couture trifft auf Heimtextilien

Louis Gérin

Louis Gérin hat zusammen mit Grégory Lamaud das Modelabel „Les Garçons Paris“ geschaffen. Zudem führen die beiden Designer die Agentur 2G2L Fashion Design and Consulting und engagieren sich als neues Mitglied am Heimtextil Trendtable. Wir sprachen mit Gérin über den Einfluss der Mode auf Heimtextilien, über Nachhaltigkeit in der Textilwirtschaft und sinnierten über die Definition von Mode.

Wie beeinflusst die Mode die Welt der Heimtextilien?
Der Einfluss geschieht nicht konkret über Formen oder Farben. Es ist eher der Esprit und der Charme der französischen Prêt-à-Porter-Mode, die auf die internationale Design-Szene wirken, speziell im Bereich der Dekoration. Ich würde sogar sagen, dass der persönliche Stil und die Ausstrahlung der jeweiligen Designer hier inspirierend sind. Zur Zeit ist das aus meiner Sicht ein leicht exzentrischer Stil, wir sagen dazu auch „bobo“, was für bourgeois-bohème steht. Das lässt sich nicht nur in Paris beobachten. Wir finden das auch in London, New York oder den skandinavischen Ländern.

Haute Couture und Heimtextilien – wo berühren sie sich?
Besonders in der Objektausstattung treffen sich diese beiden Kosmen. Viele Hotels lassen die Inneneinrichtung von einem namhaften Modedesigner gestalten und geben dem Haus damit eine persönliche Note. Es ist natürlich ein starkes Differenzierungsmerkmal, wenn Giorgio Armani, Karl Lagerfeld oder Christian Lacroix einem Hotel ihre Handschrift geben. So kommt das Design als „Prêt-à-Porter“ zu den Konsumenten. Sie bekommen dadurch eine Idee, wie sie ihr eigenes Zuhause einrichten könnten.

Was bedeutet „modern“ für Sie persönlich?
Modernität ist ein internationaler Luxusstandard. Wenn Sie mich nach dem aktuellen Charakter des Modernen fragen, so würde ich sagen, es ist eine Mischung aus Exzentrik und Historizität. Modern ist die Re-Interpretation von Stilrichtungen und Handwerkstechniken mit zeitgemäßen, neuen Materialien – im Sinne einer „Re-Technik“. Die Forderung nach einer glaubwürdigen Nachhaltigkeit in der Textilindustrie, die kritische Betrachtung des Konsums, der Trend zum Recycling – all das ist ebenfalls modern. Ein global-kritisches Bewusstsein des Überkonsumierens ist Zeitgeist.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter: jedes Mal kaufen wir neue Kleidung oder Deko-Artikel. Im Grunde aber haben wir alles noch aus der Saison davor. Wir über-konsumieren in vielen Fällen. Wie stehen Sie als Modemacher dazu?
Ich mache mir viele Gedanken zu diesem Thema. Es begegnet uns derzeit sehr häufig – im Gespräch mit Kollegen oder Vertretern aus ganz anderen Branchen und Disziplinen. Mich als Modemacher spaltet das Thema natürlich, denn meine Berufung ist es ja, immer Neues zu entwickeln und zu gestalten. Doch der Mensch ist mit dieser Lust des fortwährenden Konsums und dem Wunsch nach monetärem Reichtum einem Irrtum aufgesessen. Mit dieser Lebenshaltung laufen wir in eine Sackgasse und zerstören unsere Lebensgrundlagen. Chemische Farben, Plastik, Synthetik, giftige Substanzen in der Textilherstellung oder Treibgas – alles Resultate eines artifiziellen Konzeptes, das der „monetären Werte“. Und das ist aus meiner Sicht nicht mehr aktuell.

Wie lässt sich die Forderung nach Nachhaltigkeit in der Modewelt am sinnvollsten umsetzen?
Wir sollten für die alten Werte der Gesellschaft und des Menschseins einstehen. Das sind Liebe, Teilhaben lassen, Großzügigkeit, Respekt oder auch Wahrhaftigkeit. Nur so können wir das Massaker, das wir unserer Erde gerade antun, vielleicht aufhalten oder stoppen. Designer, Stilisten oder Künstler im weitesten Sinne können eine Botschaft über ihre Kunst vermitteln. Sie können ihre Meinung den Rezipienten nicht aufzwingen. Kunst darf nicht politisch, religiös oder gesellschaftskritisch sein müssen. Das funktioniert nicht. Da würde die Kreation missbraucht. Aber wir Künstler können dazu auffordern, den Sinn des Lebens neu zu definieren oder die Menschen dazu motivieren, einen anderen Sinn als den schnellen Konsum zu suchen.

Kerstin Böhning

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