Was macht einen Trend zum Trend?

Anne Marie Commandeur, Stijlinstitut Amsterdam

Anne Marie Commandeur, Stijlinstitut Amsterdam

Für den Trendtable der Heimtextil treffen sich jedes Jahr Trend- und Design- Agenturen aus der ganzen Welt. In diesem Jahr sind sie aus Deutschland, Japan, Frankreich, Großbritannien, den USA und den Niederlanden. Wir sprachen mit Anne Marie Commandeur vom Stijlinstituut Amsterdam. Sie übernimmt die Leitung und Konzeption des Theme Parks, dem neuen Trend- und Inspirationsforum zur Heimtextil 2015.

Wie ist es möglich, aus diesem interkulturellen Mix eine Trend-Vorschau 2015/16 zu entwickeln?

Die Grundhaltung des Trendtable-Teams ist es, voneinander zu lernen. Es herrscht ein tiefer Respekt für die Professionalität und die Expertise der Kollegen. Wir teilen unsere Informationen und Ergebnisse offen und suchen nach einem gemeinsamen Nenner. Als Team legen wir fest, wo es Übereinstimmungen gibt und destillieren aus diesem Informationsaustausch die Hauptthemen der Trends.

Wie wichtig ist die Interkulturalität und Internationalität  der Trendtable-Mitglieder? Oder versuchen Sie einen allgemein gültigen Trend zu finden?

Im Jahr 2013 kamen die Aussteller der Heimtextil aus 62 Ländern und 66 Prozent der Besucher waren aus dem Ausland. Um umfassende und verständliche Informationen zu vermitteln, müssen wir eine gemeinsame Überzeugung haben. Dabei sind uns die regionalen Unterschiede sehr bewusst und wir diskutieren sie und versuchen die unterschiedlichen Ansichten und Interessen einzubinden. Auf diese Art definieren wir einen Makro-Trend mit großem Einfluss auf alle Regionen, der sich dann in Mikro-Entwicklungen übersetzen lässt, die viele wertvolle Informationen für viele „Nutzer” in sich tragen. Aus der Vielfalt von Strömungen suchen wir den Trend aus, den alle Teilnehmer in ihren Trendstories aufgegriffen haben und der den Markt am stärksten beeinflusst. Damit meinen wir nicht nur den Einfluss auf den textilen Markt an sich sowie seine Ressourcen und Technologien – sondern auch den Einfluss auf die Nutzer, die Art und Weise, wie eingekauft und verkauft wird und nicht zuletzt auch das Umfeld, in dem dieser Trend erlebbar und genutzt wird.

Was macht einen Trend zum Trend? Gibt es eine Maßeinheit dafür?

Ein Trend im eigentlichen Sinne ist ein Prozess des allmählichen und kontinuierlichen Wandels – oder anders gesagt: Eine allgemeine Richtung, in die sich etwas entwickelt oder sich im Laufe der Zeit verändert. Diese Abläufe und Bewegungen müssen deutlich und verständlich sein und es sollte innerhalb des internationalen Trend-Teams Einigkeit darüber herrschen. Die meisten von uns nutzen die Verbraucherforschung und haben Zugang zu statistisch repräsentativen Informationen. Wir betreiben extensive Trendforschung und das Maß dafür liegt in der Analyse und Ausarbeitung. Erfahrung, Weitblick und die permanente Hinterfragung der Ergebnisse sind Teil unserer praktischen Arbeit.

Konnten Sie schon eine Hauptrichtung für die kommenden Heimtextil Trends ausmachen?

Die wichtigsten Strömungen werden während des Meetings des internationalen Trend-Teams identifiziert. Wir kamen zur gemeinsamen Überzeugung, dass wir für Menschen arbeiten, nicht für Konsumenten im Sinne von “jemand, der etwas kauft”. Heute wünschen sich die Menschen persönliche Zufriedenheit und Wohlbefinden. Ein aufmerksamer Rundumblick zeigt, dass alle grundsätzlichen Zutaten für unser Glück dort liegt – in der Zufriedenheit. Wir fühlen uns auch zu Objekten emotional hingezogen. Wir müssen sie nur identifizieren und einen Ort für sie finden und sie mehr in den Fokus stellen.

Wenn wir über neue Produkte nachdenken, so kommen wir zu dem Schluss, dass schon alles vorhanden ist. Was also legitimiert den Wunsch nach immer neuen Trends und Produkten?

Die Zeiten ändern sich. Eine wachsende Gruppe von Menschen möchte sich nicht mehr über ihren Besitz definieren sondern über ihren Erfolg. Wie Jean-Marc Bellaiche der Boston Consulting Group feststellte, sind wohlhabende Konsumenten eher daran interessiert, ihr Geld für Luxuserfahrungen auszugeben als für Luxusgüter. 2011 wurde mehr als die Hälfte aller Luxusinvestitionen für Erlebnisse ausgegeben. Dieses Muster findet man auch in den neuen Märkten: 40% der Luxusausgaben in China wurden für Luxuserfahrungen investiert und in Brasilien, Russland oder Indien beträgt diese Zahl 62 %. Der Markt für erlebnisorientierten Luxus wächst um 50% schneller als der Verkauf von persönlichen Luxus-Gütern. Der übergeordnete Trend in der kommenden Saison ist „Experience” – im Hinblick auf die Lieferung eines Produktes, den Kontext und die Nutzung. Auch die Technologie, die die Schaffung von textilen Erlebniswelten ermöglicht, gehört dazu. Es geht um Produkte, mit einem klar definierten erlebnisorientierten Wert.

Wie denkt das Design-Team über die Auswirkungen der Textilindustrie auf die Umwelt? Ist dieses Thema Teil der Agenda?

Dieses Thema ist für uns immer präsent und es ist im Grunde genommen der Motor unserer Überlegungen und Untersuchungen. Es steht im Zentrum all unserer Gespräche. Jeder von uns ist sich darüber im Klaren, dass es in Zukunft umweltbewusste Design-Praktiken geben muss. Wir haben ausgiebig über soziale Verantwortung gesprochen, neue und erneuerbare Energiequellen, effiziente Herstellungsprozesse, Herkunft, sorgsamer Umgang mit unseren Ressourcen, gemeinsame Nutzungen und Wiederverwertung. Alles Aspekte, die sich durch den gesamten Design-Prozess, die Entwicklung und Lieferung eines Produktes weben sollten. Mit unseren Artikeln und Trendergebnissen können wir das Bewusstsein dafür schärfen.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für das neue Inspirationsforum Heimtextil „Theme Park“?

Ich wünsche mir, dass der „Theme Park“ neue Inspirationen bringt und für die Messebesucher wertvolle und verwertbare Einsichten liefert. Und dass die Trends zu fortschrittlichen und nachhaltigen Entwicklungen beitragen und wir alle damit wertvolle Erfahrungen sammeln unsere Erfahrungswelt bereichern können.

Kerstin Böhning

2 Kommentare
  1. Steffen sagt:

    Wo kann man denn die Ergebnisse/Erkenntnisse dieser Veranstaltung (die wirklich interessant klingt! Zumindest vom Grundkonzept her!) später erfahren/nachlesen?

    • Stefan sagt:

      Hallo Steffen. Wir veröffentlichen Ende August ein kostenpflichtiges Trendbuch, was die wichtigsten Trends und Entwicklungen zusammenfasst. Seit heute haben wir auch unsere neue Trendwebseite veröffentlicht: http://www.heimtextil-theme-park.com, die schon viele Informationen bietet. Viele Grüße, das Heimtextil-Team.

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